Versteckte Psychologie in Dokumentationstechniken

Für Anforderungen gibt es viele verschiedene Dokumentationstechniken wie z.B. klassische Dokumente, Minispecs, Wireframes, Blogs, Modelle oder auch Unit Tests und Behaviour Driven Development DSLs.

Interessant ist, dass jede Technik einen anderen Fokus setzt und damit Stärken und Schwächen besitzt. Aber nicht nur das, es scheint eine versteckte Psyochologie darin enthalten zu sein, die bestimmtes Verhalten geradezu erzwingt!

Ein Vergleich – Haltestellen Materialien

Ich möchte mal einen Ausflug machen – und zwar in die Welt der Haltestellen.

Es gibt ja verschiedene Materialien, aus denen man Haltestellen bauen kann: Beton, Glas und Holz. Und jeder wird schon einmal verschiedene Arten von Vandalismus gesehen haben:

  • Haltestellen aus Beton laden zum Ansprayen ein
  • Haltestellen aus Glas laden zum Zerschmeißen ein
  • Haltestellen aus Holz laden zum Einkerben/Ritzen ein

Als ich das gehört habe, dachte ich: Wow – welch einfache Allerweltsfeststellung, aber Wahnsinn was für eine Auswirkung eine solche Materialentscheidung hat!

Die Materialien im Requirements Engineering

Genauso wie für Haltestellen können im Requirements Engineering verschiedene Materialien zum Einsatz kommen.

Klassische Dokumente

Stärken: Strukturierung, Prosa, Darstellung komplexer Sachverhalte, verständliche Sprache möglich, große Freiheiten

Schwächen:  Laden zu Überlänge ein, tiefer Gliederung, unverständliche Sprache möglich

Unausweichlich: Lange, tief- und logisch gegliederte Dokumente von fachlicher, aber nicht immer kommunikativer Qualität.

Requirement-Tools

Stärken: Verwaltung großer Anzahl von Anforderungen, extrem strukturierte Speicherung, integrierte Tools mit Entwicklung und Test (ALM)

Schwächen: Schwache Kommunikationswirkung

Unausweichlich: RE wird professionell, vielleicht zu professionell? Der RE-Engineer wird mächtig, vielleicht zu mächtig? Atomare Einzelanforderungen

Minispecs

Stärken: Präzise, prägnant

Schwächen: Isoliert

Unausweichlich: Fokussiertes Schreiben, informativ, wenn man die richtige Minispec findet. Viele, viele Einzeldokumente.

Wireframes

Stärken: Überblick schaffen, UIs darstellen

Schwächen: – keine (wirklich!)

Unausweichlich: Ideen werden generiert, der Zielraum wird vergrößert, Stakeholder bekommen Lust auf mehr

Unit Tests und BDD Domain Specific Languages

Stärken: Präzise, detailliert, direkt verwoben mit Implementierung

Schwächen: Mangelnde Abstraktion, keine starken Ausdrucksmöglichkeiten

Unausweichlich: Denken in Code, stabile Software in den Details, aber Tunnelblick aufs Teil-Problem

Modelle

Stärken: Abstrakt, formal, Exaktheit, Analytik, extremes Tiefenverständnis

Schwächen: Fachsprache (oft), hohe Einstiegshürde

Unausweichlich: Wird von hochbegabten Herrschaften betrieben, manchmal übertrieben

Blogs

Stärken:  Positives Image – lockerer Schreibstil, einfache Verwendung, gute Verlinkung (Wikis, BugTracker, …)

Schwächen: Technisch nicht ganz so augereift

Unausweichlich: Der Inhalt der Requirements wandelt sich von Exaktheit zum Fokus auf Interessantheit und Kommunikationsdarstellung

Fazit

Mit Minispecs und Blogs habe ich zwei Techniken mit erwähnt, die wahrscheinlich nicht verbreitet sind. Aber Dokumente, Requirements-Datenbanken, Wireframes oder BDD sind es sehr wohl, insoweit hoffe ich, dass jeder Leser vielleicht etwas schmunzeln musste, wenn er an einige „typische Verhaltensweisen“ seiner Dokumentationsformen denken musste.

Ich wette, falls der gleiche Requirements- bzw. Software Engineer einmal die Spezifikation in einem RE-Tool, das andere mal in Word erstellt – es kommen zwei unterschiedliche Inhalte heraus. Das nenne ich die „versteckte Psychologie in Dokumentationstechniken“.

Daher gilt sicher: am Besten geschickt kombinieren. Sollte man vielleicht auch mal für Haltestellen probieren.